Ein Koffer voll Liebe

Ich bin schon 269 Tage und 22 Stunden hier

und es ist so vieles passiert.

Ich habe Fufu gegessen und gestampft,

Leuchttürme und Berge beklommen,

alle möglichen Magen-Darm-Stories mitgenommen,

unter Wasserfällen getanzt,

den Anfang und das Ende vom Regenbogen gefunden,

Freundschaften verloren,

neue gewonnen.

Mich auf‘s Wichtige besonnen.

Regentänze initiiert,

6 Stunden Reibekuchen frittiert,

im Januar Weihnachten gefeiert,

mehr Nächte als ich zählen kann durchgereihert.

Einen Kolibri gesehen

und gedacht ich hätte einen Sonnenstich,

Sternenhimmel im See badend verinnerlicht,

ebenso unvergessen die Sicht,

als die Sonne über‘m Regenwald aufging

und ich mittendrin.

Nicht auf der Erde,

nicht im Himmel,

sondern genau dazwischen.

Ich bin noch 84 Tage und 9 Stunden hier und das ist verdammt wenig,

so rein die Zahlen betrachtend.

Aber ehrlich gesagt, könnte ich jetzt gerade noch nicht fort,

habe mein Herz verloren an diesen Ort.

Dennoch, ein Blick in die Heimat.

Und schon höre ich sie aus der Ferne schrei‘n,

ich rede mir dann immer ein, der Anteil an Menschen, die so denken sei klein,

dass lediglich das Internet als Multiplikator für ihren braunen Mist dient,

sie es so verbreiten.

Doch trotz angeblich unendlicher World-Wide-Web-Weiten,

kommt es an,

zielt,

und trifft.

Mitten in mein Herz.

Und ich weiß einfach nicht, was ich fühlen soll.

Könnte Freudentänze und FlickFlacks machen,

dank meiner dicken Euphorie.

Doch dann reißen mich viel zu alte, viel zu grässliche Parolen runter von meiner Wolke aus Glück.

Meine Gedanken sortieren sich anders,

neu,

von Vorfreude auf die Heimat keine Spur.

Denn dann denke ich an die letzten Wahlen, wie sich Rechte mit lautem Knall anschleichen,

jetzt,

zurück auf den Sitzen in unserem Parlament.

Ich schließe die Augen und finde mich wieder,

in einem ganz großen Zwischen.

Zwischen der unfassbaren Wärme und Liebe,

die mich tagtäglich fernab von Zuhause willkommen heißt,

den vor Lebensfreude strahlenden Gesichtern,

die sich beim Augenkontakt anfühlen wie Sonnenstrahlen nur besser.

Zwischen meinem Glück hier,

und dem, der Zuhause von „der Bedrohung Deutschlands“ spricht.

Und er hetzt gegen Chinesen,

gegen Türkinnen,

Kopftücher,

Burkas,

und Libanesen.

Gegen Henna-Tattoos,

Moscheen,

Syrer und Frauen,

die besser ihre Muttersprache sprechen als Deutsch,

gegen Nordafrikanerinnen und

Mohammeds,

gegen Schlauchbootpassagiere

und gegen das Willkommen-Sein.

Er hetzt gegen die scheinbare Fremde.

Und neben all‘ dem Hass,

den ich auf das Hassen habe,

ist da noch ein anderes Gefühl:

Er tut mir leid.

Es ist doch so wahr,

wer nicht über den Tellerrand blickt,

wird nie erkennen,

dass jeder Freund zuerst ein Fremder war.

Denn, wer Mauern baut, um andere abzugrenzen,

sich zu schützen,

wird erst merken, dass ihm diese nichts nützen,

wenn kein anderer mehr da ist,

außer kalter Stein.

Einsam ist jeder klein.

Ja, ich sage es nochmal, auf dass es jeder hört:

Die Wahrheit ist,

dass jeder Freund zuerst ein Fremder war.

Also,

mach dich groß

und dein Herz noch größer,

deine Arme weit

und dein Herz noch weiter.

Und sei bereit,

für all‘ die Liebe, die dich finden wird.

Wir stehen Hand in Hand,

von mir bis zu Euch und in jedem anderen Land,

denn dafür ist es endlich Zeit.

Und ich habe noch 84 Tage und 9 Stunden,

bis der Flieger startet.

Freue mich auf jeden von Herzen, der bereits auf mich wartet,

doch bis zur lang ersehnten Umarmung habe ich noch viel zutun.

Sonnenstrahlen und Wärme tanken,

Mangos geniessen,

Palmen beobachten, wie sie fröhlich am Wegrand sprießen,

solange in die Wellen laufen, bis ich nicht mehr kann,

mit dem Trotro alle Schlaglöcher mitnehmen, die es gibt,

die Charts auswendig lernen und dann erkennen, wenn das Radio einen Part skippt.

Und dann noch,

ganz wichtig,

all die Liebe schätzen,

drin baden,

zurück geben

und gleichzeitig mit nachhause nehmen.

Denn ich habe noch 84 Tage und 9 Stunden bis es in Richtung Heimat geht

und eins ist sicher:

Dass durch all‘ die Liebe, verstaut im Koffer,

die Waage beim Check-In auf Übergepäck steht.

Autor: Linn

Ich gehe weltwärts und blogge über Ghana, Glitzer und Soziales Engagement. Es werden Fotos und Herzensangelegenheiten geteilt :)

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