Mehr Meer geht nicht

Zeitreise, Ende Dezember:

Mit großen Plänen bewaffnet stürzten Joanna und ich uns kopfüber in‘s Abenteuer. Oder in den Atlantik. Oder in‘s Trotro. Wie man‘s nimmt.

Unser erster Reisestopp war Takoradi, von Einheimischen (also uns, hah!) liebevoll Tardi genannt. Tardi (ja, ich ziehe das jetzt durch, bin ja immerhin schon sieben Monate hier und das ist fast (!) eine ganze Schwangerschaft) ist die Hauptstadt der Western Region. Leider ohne Cowboys. Wegen der vermissten Western-Vibes haben wir aber keine einzige Träne vergossen, schließlich war die Stadt nur ein Zwischenstopp auf der Reise entlang der ghanaischen Küste.

Wir machten uns in Swedru gegen 10 Uhr morgens auf den Weg, fuhren an Cape Coast vorbei und atmeten, der Straße parallel zum Meer sei Dank, salzige Seeluft ein. Mit geschlossenen Augen und der großen Portion Fahrtwind (im Trotro werden Fenster nur in den außergewöhnlichsten Fällen geschlossen), sowie einer Schüppe Fantasie, beamte ich mich kurzzeitig auf den Sylter Autozug. Okay, es war eher eine Baggerschaufel voll Vorstellungskraft aber es hat funktioniert. Ein Hoch auf die Heimat und Träumerei, meine Freunde!

Die von Palmen gesäumte Straße holte mich dann aber zärtlich zurück in die Realität, und was soll ich sagen, es gibt schlimmeres 😀

Gut gelaunt landeten wir am frühen Abend in Tardi und bezogen unser – wenn es nach Joanna ginge – “Luxushotel”. Warum? Es standen zwei Blumen im Innenhof.

Wir überlegten nicht lange, was mit dem Rest des Tages anzustellen sei und entschieden uns für eine Runde auf dem Markt. Dieser war tatsächlich rund und wurde von einem dicken Kreisverkehr umgeben. Das ganze Ensemble, das den Mittelpunkt Tardis markiert, wurde auf „Round About“ getauft. Pfiffig.

Voller Menschen und Verkäuferinnen und noch mehr Menschen war dieser echt anstrengend und nicht so schön wie erhofft. So krallten wir uns eines der unzähligen Taxis und wünschten uns zur Mall.

Der frisch eröffnete Koloss von Gebäude haute uns dann auch nicht wirklich vom Sockel, schließlich waren fast alle Läden noch leer. In typischer Ghanamanier trudeln die anscheinend erst Wochen nach der Eröffnung ein. Dementsprechend enttäuscht schlurften wir durch die Mall ohne Shops und dann WUSCH (jetzt kommt‘s), standen wir plötzlich vor‘m Shoprite – halleluja! Der Supermarkt, der dem heimischen Rewe in nichts, aber auch gar nichts nach steht, überrumpelte uns dann mit seiner Käsetheke. Mit Gouda, Käsebrot und einem Softdrink für die Nerven (wir sind wie Hühner auf Drogen durch jeden Gang gelaufen und haben abwechselnd gequietscht, auf den Käse gezeigt und dann wieder gequietscht) verließen wir den Shoprite mit dem Gefühl einen Ausflug in‘s Kapitol gemacht zu haben.

Nach dem Käse-Shopping bummelten wir nochmal über den Markt um uns mit Abendessen einzudecken. Den Abend verbrachten wir schlemmend in bester Gesellschaft ( = Netflix ) auf dem Hotelbett.

Trotz unserer ach so luxuriösen Unterkunft *hust hust* war die Nacht nur semi-nice und wir um 6 Uhr morgens schon wieder auf den Beinen in Richtung Trotro unterwegs. Mit Frühstück in der Tüte genossen wir die ruhigen Stunden, bevor die Stadt richtig wach geworden ist. Das war ein wirklich faszinierender Morgen, alles war leise und es war nicht mal eine Ziege da, die in die Stille hätte meckern können. Herrlich.

Weniger faszinierend war dafür dann die anstehende Trotrofahrt in Richtung Nzulezo, denn wir warteten drei, vielleicht auch fünf Stunden (wer guckt in Ghana schon auf die Uhr?), bis sich der Minibus endlich gefüllt hatte und in Bewegung setzte. Ist wie’s ist.

Genauso charmant ging es dann weiter und wir fuhren eine gefühlte Ewigkeit bis wir endlich vom Fahrer an einem vielversprechenden Schild rausgeschmissen wurden: Nzulezo, the village on sticks. Wir waren also am Stelzendorf angekommen, whuup whup.

Eine fixe Pipi-Pause später – wer dachte es gäbe sowas wie Raststätten-Pausen im Trotro hat sich aber gehörig geschnitten – sprachen Joanna und ich kein Wort mehr: Wir kauten und genossen. Nach dem mit Käse belegten Käsebrot (doopelt hält besser) verinnerlichten wir das Gefühl des Laktose-Schocks, wohlwissend, dass die nächste käsige Gönnung außer Sichtweite liegt.

Gestärkt machten wir uns mit einem Guide auf den Weg zu den Kanus. Obwohl wir eigentlich paddeln wollten (ich weiß auch nicht, was uns da geritten hat als wir gefragt wurden), saßen wir keine 10 Minuten später in einem Motorboot. Also einem Kanu mit Motor dran. Im Gegensatz zu dem leicht provisorisch wirkendem Holzding unter unseren Popos waren wir top vorbereitet. Als super erfahrene Kanu-Profis aka ich-habe-auf-einem-Geburtstag-mal-gepaddelt, wussten wir natürlich, wie der Hase läuft und haben jegliche Wertsachen in Zipperbeuteln verstaut. Ja, da haben wir uns schon gefeiert, als wir diesen Move planten. Die Tatsache, dass uns just in dem Moment ein Kanu entgegen kam mit Besuchern und alle, wirklich alle, ihr Handy zum Selfie machen in die Höhe streckten, dämpfte die mood etwas. Als der Mann ganz vorne im Kanu dann ein Tablet rausholte und per Skype die Bootstour dokumentierte, war‘s mit unserem Gefühl von Coolness komplett vorbei. Da fanden wir uns dann doch einfach nur noch extrem deutsch, tja. Ein Glück, dass ich mich da aufgrund akuter Sinnesbeanspruchung nicht reinsteigern konnte, denn, ohne zu übertreiben, war diese Bootstour einfach unbeschreiblich. Gestern noch Nordsee, heute Amazonas.

Das leise Brummen des Motors, der ruhige See, die unglaubliche Natur, die sich dann nochmal in der Wasseroberfläche spiegelte. Wunderschön, einfach nur wunderschön. Die kleine Regenwald-Frequenz auf dem Weg zum Dorf haute mich dann aber endgültig um. Büsche, Fliegetierchen und Rankepflanzen, Meere aus Seerosen und imaginäre Krokodile – ich mittendrin.

Das Dorf liegt am Rand des großen, aber dennoch überschaubaren Sees, perfekt an die Umgebung angepasst. Auf seinen Stelzen stehend blickte uns Nzulezo entgegen, entfaltete sein ganzes Postkarten-Potential.

Um das Feeling richtig aufsaugen zu können, blieben wir über Nacht in dem Dorf. Bevor es in‘s Bett ging, bekamen wir eine Führung durch das Dorf, das neben einer Schule sogar 3 Kirchen beherbergt. Die Bewohner leben aber nicht nur auf, sondern auch von dem See. Er wird zum trinken, duschen und waschen genutzt, sowie als Toilette. Da haben wir uns prompt in die Alternative Plumsklo verliebt, so schnell kann‘s gehen.

Wir putzen uns die Zähne und als wir den See dann als Waschbecken nutzen und die Zahnpasta episch bei Sonnenuntergang dahin dümpelte, hatten wir beide ein schlechtes Gewissen. Mama Natur hatte sich das ursprünglich bestimmt anders vorgestellt.

Dass wir in der Nacht nicht ganz alleine waren, sondern uns das Zimmer mit Nagetieren (ich rede mir konsequent ein, dass es Babymäuse waren) teilten, störte uns tatsächlich wenig. Haarige Tiere sind eh schonmal besser als ihre nackigen Kollegen. Alte (persönliche) Ghana-Weisheit.

Zurück auf‘s Festland ging es dann im Morgengrauen mit dem ersten Boot.

Sprachlos, vollkommen von der Schönheit der sich uns bietenden Szene geflasht, betrachteten wir den Sonnenaufgang. Das Naturschauspiel vor unseren Augen haute uns um. Und, was soll ich sagen? Da sind wir glatt über unseren Schatten gesprungen und haben’s gefilmt. (Was für Warmduscher haben auch schon Zipperbeutel?)

Nach einer weiteren nicht gerade kurzen Trotrofahrt, befanden wir uns im nächsten Dorf: Cape Three Point. Der Name spoilert schon die Besonderheit dieses Fleckchens Erde, denn die drei Landzungen, die gemeinsam das Fischerdorf bilden, erstrecken sich in den Atlantik.

Der dadurch südlichste Punkt Ghanas besticht durch einen einmaligen fast 360 Grad Meerblick – ohne dafür in eines der wackeligen Fischerboote steigen zu müssen. Um diesen Ausblick bestmöglich zu genießen, erklommen wir den berühmten Leuchtturm des Örtchens.

Nachdem wir die steile Treppe rauf – entgegen aller Erwartungen unverletzt – bezwungen hatten, ärgerten wir uns auch nicht darüber, dass wir aufgrund des Nebels keine Waale sehen konnten. Wir waren einfach froh, dass wir das Leben hatten, die Treppe war wirklich Horror.

Unglücklicher Weise hatte der Chef vom Leuchtturm auch noch nie was vom im Reiseführer empfohlenen Whale-Watchings gehört und so mussten wir, ohne Sichtung der Riesen, uns eine halbe Stunde später von der sagenhaften Aussicht verabschieden.

In Cape Three Point haben wir leider keine Übernachtungsmöglichkeit gefunden (gefühlt besteht das ganze Dorf sowieso nur aus dem einen Leuchtturm), sodass wir weiter düsen mussten.

Gegen Abend kamen wir dann in Busua an, dem Freiwilligen-Hotspot schlechthin. Einer der schönsten Orte an der ghanaischen Küste nahm uns mit seinen seichten Wellen in Empfang. Von der frischen Meerbrise ließen wir uns die Haare zerzausen, während die Füße im Sand steckten und das köstliche Abendessen unseren Hunger stillte. Ein Urlaubstraum.

Generell war die Zeit in Busua gekennzeichnet durch Surfer, die die Surfer werden wollten, die Traum-Tapeten-Aussicht und unsere langersehnte Dusche (ich erinnere an die Wasserressourcen Nzulezos), yeii. Kurz, ein rundum gelungener Halt unserer Küstenreise. Glücklich darüber, dass wir den paradiesischen Ort gesehen haben, ging es am nächsten Tag weiter nach Cape Coast – Silvester stand vor der Tür!

In Cape Coast angekommen gingen wir zielstrebig zu den Liegen und standen, zumindest gefühlt, bis zur dicken Silvesterparty auch nicht mehr auf. Wir quatschten mit den vielen anderen Freiwilligen, die sich passend zur Party in der Küstenstadt eingefunden hatten und unterhielten uns köstlich. Mittlerweile sind wir fast alle ein halbes Jahr schon in Ghana unterwegs und da kommen einige Geschichten zusammen, das könnt ihr mir glauben 😁 So futterten wir in der Sonne brutzelnd Mangos, ich las „Krieg und Frieden“ bis zur Hälfte durch (um auch mal ein bisschen was für die Allgemeinbildung zu tun) und war in 0,2 Sekunden auf den Beinen, als Waale vor der Küste gesichtet wurden. Es stellte sich dann entgegen jeglichem Wunschdenken leider nur als Müllhaufen heraus, was die Stimmung aus wohl allen verständlichen Gründen kurz trübte.

Trotz der Fehlmeldung am Mittag, war der letzte Abend des Jahres ein voller Erfolg. Wir gingen lecker essen und kümmerten uns seit Monaten mal wieder um einen guten Look – ein bisschen Glitzerliedschatten ist echt Balsam für‘s Selbstbewusstsein. Das super Gefühl, dank ordentlich getanktem Vitamin D und mit richtigen Shampoo gewaschenen Haaren (sie waren so weich!!), ließ uns bis zum Morgengrauen durchtanzen. Mit Sand an den Füßen und lieben Menschen um mich herum, war es der beste Start in‘s neue Jahr.

An Neujahr selbst konnte man mit uns nicht ganz so viel anfangen, wir bewegten uns überwiegend zwischen den Wellen des Meeres und den Liegen hin und her. Die Endstation unserer Küstenreise war pures Gold und das Schwimmen und Plantschen im warmen Atlantik ein perfekter Startschuss für 2019.

Ja, mittlerweile sind seit Silvester auch schon wieder fast zwei Monate um. Die Uhren ticken hier scheinbar schneller als zuhause 😋

Braungebrannte Grüße aus Ghana 🧡

Autor: Linn

Ich gehe weltwärts und blogge über Ghana, Glitzer und Soziales Engagement. Es werden Fotos und Herzensangelegenheiten geteilt :)

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