„Bin ich braun geworden oder einfach nur dreckig?“

Zeitreise, Anfang Dezember:

Dem Farmers Day sei Dank hatten wir ein langes Wochenende – shakka! Das muss selbstverständlich genutzt werden, besonders dann, wenn die Klausurenvorbereitungsphase einem alles abverlangt. Vor ein paar Monaten hätte ich noch meine Lieblingshandtasche drauf verwettet, dass das Klausuren Stellen nicht halb so schlimm ist, wie das Schreiben. Jetzt bin ich mir nicht mehr ganz so sicher. (Und Achtung Spoiler: Über 320 Franzeklausuren an einem Wochenende zu korrigieren ist auch eher uncool.) Naja, durch die Zusammenfassung meiner Gefühlslage (falls es nicht deutlich geworden sein sollte – gestresst!) ist nun klar, dass die Mini-Ferien wie gerufen kamen.

Mit gepackten Rucksäcken und einem noch größeren Haufen purer Vorfreude trafen wir uns beim heißgeliebten Reismann, freitags pünktlich zum Lunch. Mit einer der kleinen Freuden im Leben (dem Reismann-Reis) in der Hand, betraten wir unser Trotro. Drei oder vier Stunden später kamen wir dann, von oben bis unten dreckig, in der Hauptstadt der Eastern Region (für Englischmuffel: Östlich, nicht Ostern) an. Was während der Fahrt passierte, dass Joanna und ich uns gegenseitig vor Schmutz nicht wiedererkannten? Afrika ist passiert!

Die Trockenzeit hat eindrucksvoll bewiesen, dass sie sich ausserhalb Swedrus bereits blicken lässt: Ein Teil der Straßen war derartig trocken, und selbstverständlich ungeteert, dass die für Afrika charakteristischen roten Straßen unverschämt doll gestaubt haben, als unser Trotro darüberhinweg ballerte. So war innerhalb von Minuten das ganze Trotro von einer roten Staubwolke ausgefüllt. Wir mittendrin in dieser Ökö-Nebelmaschine. Dank des Schweißes (er ist immer und überall mit am Start) erhielten Joanna und ich so die wohl billigste und umweltfreundlichste Art von Spray-Tan überhaupt: Ob 6 Wochen Toskana-Urlaub oder ein paar Besuche auf der Sonnenbank, keiner hätte das von der gleichmäßigen, rostbraunen Schicht auf meiner Haut unterscheiden können. Lediglich der Film auf Kleidung und Rucksäcken verriet uns. Während unsere Mitfahrer durch das Abwischen des Drecks dunklere Haut zum Vorschein brachten, waren wir dank Joannas geopfertem Pulli und einer Katzenwäsche vor allem wieder eines: weiß.

Nachdem wir dramatisch aber kurz unserer wieder verlorenen Bräune hinterher geweint hatten, checkten wir im Hotel in Koforidua ein und bezogen unser hässliches Zimmer. Generell hatte unser Hotel den Charme eines Horrorfilmsets, aber die langersehnte Dusche stimmte uns milde. Neugeboren und in FlipFlops (da fühlten wir uns ganz verwegen, denn eigentlich sind wir treue Birkenstöcker) dackelten wir Richtung Markt. Erst auf dem Weg zu diesem fiel uns das imposante Bergpanorama in seiner ganzen Schönheit auf und bildete eine grandiose Abwechslung zu unseren Strandurlauben. Auf dem Markt angekommen, atmeten wir noch einmal tief durch, ehe wir uns ins Getümmel stürzten. Riesengroß, komplett überdacht und mit allerlei Waren vollgestopft, erstreckte er sich von der Verkehrskreuzung aus in die (gefühlte) Unendlichkeit. Der abendliche Marktbummel war dann glücklicherweise nichtmal halb so stressig wie gedacht und machte uns beide zu stolzen Besitzerinnen von neuergatterten Stoffen. Mit ungeplanten Shopping-Glückshormonen und einer Kokosnuss beendeten wir den Marktausflug.

Happy gingen wir zurück in‘s Hotel und schmissen uns müde auf‘s Bett. Das Licht ausgeschaltet (wenn man nichts sah, war das Zimmer wenigstens okay) quasselten wir uns in den Schlaf – fast. Joanna musste noch einmal für kleine Freiwillige und schaltete unsere LED-Beleuchtung wieder an. Und BOOM – das war das Problem. Einen schrillen Schrei später sprangen wir beide auf. Ich aus der waagerechten, Joanna aus dem Bad und so standen wir auf unserem Bett. Schockiert weiht sie mich ein. Der Grund für die nächtliche Hektik: 1 Kakerlake. Aber keine kleine, nee nee, ein riesen Brummer direkt neben unserem Bett (laut Joanna, habe bis heute unseren Herrn Käfer nicht gesehen. Bin ich aber auch nicht Schade – aka Schabe LOL – drum). Leicht schlaftrunken, sichtlich müde und voll ohne Peilung überlegten wir, was zutun sei. Wenn man etwas bekämpfen will, muss man den Feind kennen. In unserem Fall hieß das Googeln. Nach ganzen fünf Minuten stillschweigender Recherche stellten wir fest, dass Kakerlaken a) Herdentiere b) Alles-Könner und c) einfach ekelig sind. Weil wir mit dieser Erkenntnis (dumm lebt‘s sich wirklich leichter) unmöglich wieder einschlafen konnten, schmissen wir uns die geshoppten Stoffbahnen um und schlichen zur Rezeption. Ich schilderte die Situation leicht dramatisch (kann ich gut) und überredete den jungen Mann zu einer Ausräucherung unseres Zimmers. Sein „ausräuchern“ bestand enttäuschender Weise jedoch aus drei lieblosen Sprühern mit der Anti-Insekten-Dose. Wir gaben uns selbstverständlich nicht zufrieden und nahmen die Kammerjägeraktion selbst in die Hand. Im Shop gegenüber des Hotels wurde alles Mögliche und – zu unserer Erleichterung – auch Insekten-Tötungsspray verkauft. Wir ließen uns fachmännisch beraten und kauften das Rote. Zurück vor unserer Tür stellten wir den Schlachtplan auf („Ich springe zum Lichtschalter, mache Licht an. Du rennst rein, sprühst so viel du kannst ohne Luft zu holen und dann rennst du wieder raus und dann renne ich rein und dann du wieder und dann ich wieder, ja?“).

Der preisverdächtige Plan stockte allerdings bereits nach dem Licht einschalten.

Es lief ungefähr so ab: Licht an, Joanna rennt rein, Schrei, Joanna rennt wieder raus. Diesmal schreie ich und nein, nicht wegen einer Kakerlake.

Anders als auf RIESENSPINNEN war ich auf Kakerlaken vorbereitet.

Ausgerechnet über unserem Bett räkelte sich grazil das spinnige Monster von Insekt und so hatten wir unseren Beweis: über die mini-Sprüherei machten sich sogar unsere Untermieter lustig. Demonstrativ angeekelt nervten wir nochmal den Mann an der Rezeption und so wurde dieser unser Spinnen-Killer. Netter Weise fegte er dann auch noch unter‘m Bett und schaute in jede der Ecken nach. Weitere Insekten fanden wir nicht, aber dafür war das Zimmer nun blitzeblank. Nach der Putzaktion sprühten wir wild drauf los, der Plan hatte sich schließlich nur kurz verzögert.

Nach einer Zeit lüfteten wir den Raum und nach noch ein bisschen mehr Zeit kehren wir, vollkommen müde aber noch immer skeptisch, in unser Zimmer zurück. Mit Licht an („Kakerlaken mögen kein Licht“) und dem Ventilenti auf maximaler Power („Vielleicht fliegen sie dann schlechter“) versuchten wir zu schlafen.

Mehr als ein Versuch war es letztendlich in der Tat nicht und so starteten wir müde und früh in den nächsten Tag. Doch der Tatendrang fegte die Müdigkeit aus unseren Gesichtern – wir hatten schließlich einiges vor. Auf dem Markt versorgten wir uns mit dem Nötigsten *hust hust* und hatten im Handumdrehen den Rucksack so sehr mit Proviant vollgestopft, dass wir die halbe Wassermelone schon im Taxi futtern mussten. Opfer müssen gebracht werden. Neben Regenjacken, Insektenspray & Sonnencreme (von beidem befanden sich bereits Unmengen auf unserer Haut, die wir unter‘m Ventilenti geschichtet hatten), Wasser und Schokobonbons, machten wir uns auch mit frittierten Kochbananen, Falafel-im-Brötchen-ähnlichem Sandwich, Erdnussbuttertoast, Orangen und Bananen auf den Weg zu den Boti Wasserfällen und dem Umbrella Rock.

Bevor es zu dem Top-Touri-Ausflugsziel Koforiduas ging, wollten wir aber noch einen Abstecher zu den Akan Wasserfällen, den kleinen und unbekannteren Verwandten der Boti Falls, machen. Eine gute Stunde später waren wir wieder paniert vom Straßenstaub (die Fenster des Taxis ließen sich nicht schließen, danke dafür) und an dem Eingang zu den Boti Falls angekommen. Denn die Akan Falls waren komplett ausgetrocknet, oder wie der Ghanaer zu sagen pflegt: kaputt.

Aber alles halb so wild, sähen Joanna und ich nicht schon wieder so aus, als hätten wir dasselbe Solarium-Abo wie Trump. Mehr schlecht als recht versuchten wir zumindest unsere Gesichter sauber zu bekommen und sorgten bei den Mitarbeitern des Parks für ordentlich Gelächter.

So begann unsere Wanderung dann leicht verzögert und wir marschierten mit dem Guide und drei anderen Deutschen durch den Wald. Tja, was soll ich sagen? Die Wanderung war halt eine richtige Wanderung, so über Stock, Stein, Felsen und Flüsschen. Habe viel geschwitzt aber auch viel gelacht, wir befanden uns in bester Gesellschaft. Nach einer halben Ewigkeit sah man immer noch nicht den nach einem Regenschirm benannten Stein und mit der schwindenden Kraft in den Beinen verlor ich immer mehr den Spaß am Berg hoch zu klettern. Die eleganten über 30 Grad gaben mir den Rest, sodass wir irgendwann – vor Selbstmitleid triefend – „don‘t stop believing“ sangen. Und siehe da, ehe ich zu hoffen aufgeben konnte, ließ sich der Umbrella Rock blicken.

Mit neuer Energie nahmen wir die letzten Stufen und feierten uns bei Erreichen des Felsens mindestens so sehr wie den 360 Grad Panorama-Blick.

Nach einer entspannenden Pause und dem Verteilen unserer Schokobonbons ging es dann weiter zur dreigabeligen Palme, whuup whup, und dem Fruchtbarkeitsstein. Bei Berührung des letzteren soll man mit Zwillingen, Drillingen oder Vierlingen beschenkt werden. Da machten wir also erstmal einen großen Bogen drumherum – safety first. Nachdem wir dann die Bananen auch weggesnackt haben (ein paar verteilten wir auch an die Dorfbewohner und ihre Hühner), machten wir uns auf den Rückweg. Der hatte es nochmal in sich und durch das viele Stufensteigen hätte ich schwören können, am Tag darauf Kim Kardashian Konkurrenz zu machen. Pustekuchen. Geschafft war ich aber trotzdem, als wir endlich unseren Ausgangspunkt wieder erreichten und die 250 Stufen zu den Boti Wasserfällen herab stolperten (gehen war zu dem Zeitpunkt kritisch).

Ehe ich mich versah, betritt ich die Barbie-in-Mariposa-Welt: Wasserfälle, ein idyllischer See, Bäume umranden eine Lichtung im Wald und am Ufer des Wassers fliegen Schmetterlinge. Ich übertreibe nicht, es war magisch.

Nach dem Aufsaugen des Moments und Abspeichern der Erinnerung suchten wir uns ein schattiges Plätzchen. Wir ruhten uns und unsere Beinmukkies aus und die Matsche, die es sich auf meinem Körper (Straßenstaub + Schwitzen = Matsche) in Bröckchen gesammelt hatte, beseitigte ich mit einem mehr als wohltuenden Schwack Wasserfallwasser. Herrlich. Immer noch dreckig, aber gefühlt viel sauberer, starteten Joanna und ich unser wohlverdientes Picknick.

Nachdem wir stundenlang die Schönheit dieses Orts bewunderten, hörten wir auch im Trotro zurück nach Koforidua nicht auf zu schwärmen. Eine Dusche später räucherten wir unser Zimmer nochmal aus und flohen vor der selbstgezündeten Chemiebombe Richtung Markt. Auf der unerfolgreichen Suche nach einer Avocado für ein Toast fanden wir den ultimativen Snack-Jackpot. Eine Obstlady, die Früchte anbot, die weder Joanna, noch ich, jemals zuvor gesehen haben. Euphorisch kauften wir ihren halben Stand leer und stürzten uns Hals über Kopf in das kulinarische Abenteuer. Mit unserer Ausbeute verfuhren wir so: Erst schlucken, dann gucken. So wurden die tropischen Teile erst nach dem Verzehr gegoogelt. Passionsfrucht, Sternfrucht (okay, das waren die Normalos. Jetzt kommt‘s:) Stachelanneone und Sweet Apple – unser Abendessen. Dass der letztere wie Hubbabubba schmeckt war, naja, interessant und dass die erste aussieht wie etwas verunglückt mindert keineswegs ihre inneren Werte: sie soll Krebs heilen!

Vitaminreich beendeten wir den aufregenden Tag. Am nächsten Morgen ging es dann nach dem Aufstehen mit Frühstück bepackt in‘s Trotro. Das frische Obst versüßte uns die Heimreise und das Schuckeln des Minibusses passte perfekt zur entspannten Atmosphäre. Das Wochenende war wundervoll, wunderschön und wunderbar. Mit goldenen Erinnerungen ging es wieder Nachhause.

Ich wünsche für das neue Jahr Glücksgefühl-Momente, wie das Picknick im Paradies für mich einer war 😊

Glückliche Grüße aus Swedru ❤️

Autor: Linn

Ich gehe weltwärts und blogge über Ghana, Glitzer und Soziales Engagement. Es werden Fotos und Herzensangelegenheiten geteilt :)

2 Kommentare zu „„Bin ich braun geworden oder einfach nur dreckig?““

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