Adieu Tanne, hi Palme!

Zwischen Weihnachtskarten basteln mit den Kindergartenkids und 36 Grad Celsius im Schatten, ja, da irgendwo versteckt sich meine Weihnachtsstimmung.

Wenn ich die Augen zu mache, den Ventilator ganz doll aufdrehe (immer noch mein verlässlichster Freund, wenn es um Deutschland-Simulationen geht), meine Weihnachtsplaylist über die Kopfhörer höre und ausblende, dass ich wie ein Häufchen Sehnsucht nach Zimtsternen unter meinem Moskitonetz sitze, ja dann fühle ich tatsächlich ein bisschen die Lametta-Vibes aus der verschneiten Heimat.

Aber halt auch nur dann.

Und so abgekapselt auf dem Bett sitzend das mir vertraute Weihnachten nach zu machen, finde ich dann doch vor allem eins: einsam.

Und weil einsam, das mit Abstand Letzte ist, was ich zu dieser Zeit im Jahr sein möchte, habe ich mich für Plan B entschieden. Sprich, genau das Gegenteil!

Und so habe ich mich kopfüber in die ghanaische Weihnachtsfeierei geworfen.

Am 21, passend zum Beginn der Ferien (whuup whup), wurde ich nicht durch meinen Wecker aus dem Schlaf geklingelt, sondern von Daddy’s Weihnachtsliedern geweckt. Höchstwahrscheinlich bin dadurch auch nicht nur ich, sondern unsere ganze Nachbarschaft wach geworden (sein Musikgeschmack ist mit einem Wort zusammenzufassen: laut), aber wen stört’s? Es ist Weihnachten!

Kaum war ich auf den Beinen und in der Küche unterwegs, fiel mir der erste kulturelle Unterschied auf. Denn prompt wird offiziell die Weihnachtszeit hier im Hause Addison eingeläutet, schien niemand mehr laufen, geschweige denn gehen zu wollen. Die einzig akzeptierte Fortbewegungsmethode: Tanzen 😁

Seitdem schunkele ich mich hier durch‘s Haus und schwinge zu bekannten und mal weniger bekannten Carols die Hüften.

Um den Addisons eine Tasse voll deutscher Weihnachtstradition zu reichen, habe ich für die ganze Familie Kinderpunsch gekocht. Zu meiner großen Freude kam der auch nicht nur bei Anobia, meiner kleinen Gastschwester, super gut an.

Jedoch war ich der festen Überzeugung, dass der „Christmas Drink“, wie ich ihn einfach mal getauft habe, auch hier in Afrika heiß geschlürft werden muss. So saßen wir dann alle auf Holzhockern in der Küche, bildeten einen Kreis, lauschten Ariana Grandes „Santa Tell Me“ in Dauerschleife und schwitzen um die Wette 😂 Der Miniversuch hat also bewiesen, dass Punsch auch in Ghana seine Wirkung nicht verliert. Immerhin. Danach duschen musste ich trotzdem, kein Witz. Was tut man nicht alles, um seiner Gastfamilie ein bisschen Weihnachtsmarktfeeling zu zaubern 😋

Aber tatsächlich, seitdem ich an dem Abend so viel Punsch getrunken habe, dass er mir aus den Ohren wieder rauskam, dann flink duschte und aufgrund des kalten Wassers (wer hat bitte gedacht ich hätte warmes Duschwasser? Hahaha) mich dann mit meinem Pulli in‘s Bett kuschelte, seitdem bin ich in Weihnachtsstimmung. Halleluja! Dass das passiert, hätte ich mir auch nicht erträumt.

Während des Punschmixens haben Anobia und ich dann auch noch super ökologische Raumerfrischer gebastelt und Orangen mit Nelken bearbeitet. Dass ich am nächsten Tag mit einem „you are wonderful“ von Daddy geweckt wurde, ließ mich verstehen, dass der mir so gut bekannte Duft von Weihnachten auch tausende von Kilometern weiter südlich spitze ankommt – und strahlen 😊

Mit preisverdächtig guter Laune startete ich dann in den 24. und wurde prompt verdattert angeguckt, sei mein euphorisches „Merry Christmas to youuu!“ doch noch einen Tag zu früh – zack, Unterschied Nummero zwei. Wie ich dann im Laufe des Tages lernte, feiert man hier in Ghana, wenn die Kirche, deren Mitglied man ist, Weihnachten überhaupt feiert, nämlich erst ab dem ersten Weihnachtstag so richtig. Schließlich heißt es, dass Jesus in der Nacht geboren wurde und deshalb dann erst ab dem nächsten Morgen gefeiert wird. Fand ich einleuchtend, hielt mich aber keineswegs davon ab, Heilig Abend zu Joanna nach Winneba zu düsen und mit ihr zu feiern. In dem kleinen Nachbarstädtchen bot sich uns dann ein wohl einmaliger Heiliger Abend. Mit frischer Mango und Ananas ausgestattet schlugen wir unter Palmen unser Picknick-Lager auf. Der Atlantik glitzerte uns schöner als alles Lametta der Welt entgegen und auch den Tannenbaum habe ich nicht vermisst. Pah, wer wünscht sich schon einen Tannenbaum, wenn man von Palmen umgeben ist, soweit das Auge reicht. 😍

Für die richtige Stimmung habe ich dann meine Weihnachtsplaylist angeschmissen und so trällerten wir zur Belustigung der ein paar Meter weiter arbeitenden Fischer lauthals die Lieder mit. Absoluter Favorit war dabei „It‘s beginning to look a lot like Christmas“, einfach weil‘s so herrlich unpassend war 😁 Es war ohne Frage anders als sonst, aber anders gut.

Zurück in Swedru summte ich immer noch Jingle Bells und feierte dann meinen Heiligen Abend doch noch ghanaischer als ursprünglich geplant. Denn leider kam mein Weihnachtspäckchen durch den Trubel der Post nicht an und somit blieben die Geschenke dieses Jahr dann aus. Was im ersten Moment meine guten Vibes zu gefährden drohte, ist aber tatsächlich gut zu verkraften. Wie gesagt, einfach mal richtig ghanaisch – hier ist das Beschenken nämlich längst keine Selbstverständlichkeit. Und neben dem Fakt, dass selbst Mariah Carey sich nicht für die Geschenke unterm Weihnachtsbaum interessiert, ist doch genau das der Sinn von meinem Freiwilligendienst. Eine andere Kultur nicht nur kennenlernen, sondern leben.

Ohne Fondue, dafür aber mit einem ganzen Haufen Kitsch läuten die Addisons die Feiertage ein und so hätte es mich eigentlich nicht wundern sollen, als Anobia mit Luftballons um die Ecke kam. Nicht zum spielen, nee, zur Deko! Und nachdem wir dann gemeinsam mit Daddy die ganze Packung (das waren echt viele) aufgepustet und parallel dazu drei verschiedene Fußball-Best-Of-Premier-League-Zusammenschnitte geschaut haben, stellte auch ich fest, dass die bunten Ballons der Deko die Krone aufsetzen . Sie gesellen sich jetzt im Wohnzimmer zu den unzähligen bunten Lamettaranken und den zwei, in abwechselnden Farben blinkenden, LED-Lichterketten. Auch wenn diese Kombi meine Augen erst an ihre Grenze trieb, hat es auf jeden Fall etwas. Und auch wenn es mit viel Fantasie nicht an unser typisches Weihnachtsdekozeug erinnert, verkörpert es definitiv das einer Geburtstagsparty – und das passt ja mindestens genauso gut 😋 Happy Birthday Jesus, sag ich da nur.

Kurz bevor ich hundemüde ins Bett gefallen bin, fiel mir dann aber doch noch etwas im Spiegel auf. So hat mich Mama Natur, passend zu Weihnachten, endlich mit einer richtig schönen Bräune beschenkt. Ein bisschen weniger Obroni-mäßig als vorher, schlief ich glücklich und dankbar für den schönen Tag ein.

Zum Frühstück am ersten Weihnachtstag reichte Suzie mir wie immer mein Toast, aber holy guacamole!, dieses mal gab‘s dazu Avocado aus dem eigenen Garten. Wie viel perfekter kann ein Tag bitte starten?! Nachdem ich meinen Traum von Frühstück weggeschlemmt habe, half ich den Mädels in der Küche – seit halb 7 hörte ich die Ladies des Hauses nämlich schon mixen, pürieren und singen. Ein paar der Kinder sind nachhause gekommen und so musste früh gestartet werden, um die ganze Großfamilie mit dem Feiertagsessen zu verwöhnen. Gestartet wurde mit Jollof, einem typisch ghanaischen Gewürzreis – suuuper lecker, ich sag’s euch. Dann wurde sogar der Backofen (an alle meine aufmerksamen Leser: keine Sorge, die Schneckeneier wurden umgesiedelt – Daddy startet jetzt eine Schneckenzucht (auch mein voller Ernst) bei uns im Ziegenstall. Also kann ich Entwarnung geben, die Brut ist nicht mehr im Ofen) angeschmissen und Kuchen gebacken. Mein Kuchenherz schlägt seit dem herrlichen Duft höher und nachher gibt es noch Fufu. Was wäre ein Feiertag auch ohne Fufu?

Am zweiten Weihnachtstag geht es mit dem ganzen Clan in die Kirche, da verbringen wir den Tag und ich bin schon mehr als gespannt. Versprochen wurde mir eine Art Gemeindefest, mal sehen was mich erwartet 😉

Beste Weihnachtsgrüße aus Ghana gehen raus nach Bielefeld, Dubai, Lippstadt und zu jedem von Euch nachhause. Afehyiapa oooo! 🧡🌴

Autor: Linn

Ich gehe weltwärts und blogge über Ghana, Glitzer und Soziales Engagement. Es werden Fotos und Herzensangelegenheiten geteilt :)

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