Glücksmomente #4

Heidewitzka, die Zeit rast. Ich bin mir unschlüssig, ob das nur mir so geht oder diese Erkenntnis einfach zum Erwachsen-werden dazu gehört. So oder so steht fest, dass der November um und es somit Zeit für meine monatlichen Highlights ist. Eins möchte ich vor der Zusammenfassung jedoch noch los werden. Denn obwohl nichts dramatisches passiert ist, war der November nicht mein bester Freund. Meine süßen Goldmomente konnte ich gefühlsmäßig nur schwer gegen die Schattenseiten der letzen vier Wochen aufwiegen.

Eine fiese Grippe hat mich in den ersten drei Wochen umgehauen (ja, ich habe es geschafft mich in Ghana ordentlich zu erkälten 😂) und grade, als ich wieder wohlauf war, riss es mir buchstäblich den Boden unter den Birkenstocks weg. Tollpatsch-Linn war mal wieder am Start und hat sich vor versammelter Mannschaft aka der gesamten Schule mächtig langgelegt. Einen Moment schienen die jüngeren Schüler gedacht zu haben, ich bliebe einfach liegen und es sei alles vorbei mit ihrer Franzelehrerin. Nach ein paar Sekunden Stille und der Gewissheit, dass ich noch lebe, kamen auch die Kids wieder zu sich und so erfuhr durch wildes Geschrei jeder, auch die, die es nicht live verfolgt haben, von dem Happening. Peinlichkeitsfaktor hoch tausend, kann ich euch versichern. Glücklicherweise hat nur mein Schienbein etwas leiden müssen. Dank der vielen Schrammen, welche nun mein Bein verzieren, hielt sich allerdings das Gerücht, Aunty Lilly sei von einem wilden Tier angefallen worden, äußerst hartnäckig.

Abgesehen von meinem leicht labilen Gesundheitszustand, hat der November aber auch der Familie Addison einen herben Schlag verpasst. Anscheinend muss irgendwie jemand auf das Anwesen hier gekommen sein (ist nicht schwer, weil wir zwar ein Tor aber keine Mauer oder so haben) und, weiß Gott warum, hat er einen unserer Hunde getötet. Vielleicht aus Rache, Sheriff jagte wohl früher mal die Nachbarshühner, vielleicht weil der Rüde den Eindringling angegriffen hat. So oder so ist es eine Schande und die Fellnase jede geweinte Träne wert. Unfassbar, zu was manche Menschen in der Lage sind. Meine Gastmama hing sehr an Sheriff, was in Ghana nicht grade üblich ist, und auch mich hat das ganz schön mitgenommen.

Also, wie gesagt, definitiv nicht mein Lieblingsmonat.

Bin nun mehr als froh, dass der Dezember endlich da ist und mit all den fantastischen Feiertagen, ein Highlight das nächste jagen wird.

Zurück zu den schönen Erinnerungen, trotz all der unschönen und traurigen Momente, gibt es nämlich auch ein paar Lichtblicke.

Glücksmomente im November

  • Am ersten Wochenende des Novembers düsten Joanna und ich nach Cape Coast, genossen wieder Köstlichkeiten im Baobab House, die uns an die Kocherei unserer Mamas (❤️) erinnert. Herrlich. Als wir das kleine Lokal verlassen wollten, bat ich – selbstverständlich auf englisch – eine Dame mit ihrem Stuhl etwas zu rutschen – das Baobab House ist nämlich in der Tat seehr klein und es kommt auf jeden Zentimeter an 😀 Anstatt zu rücken, drehte sich die Frau jedoch um, strahlte uns an und sagte mit bayrischem Akzent: “Mensch, ihr seid’s doch auch aus Deutschland!” Keine zwei Minuten später saßen wir dann bei Renate und ihrer Freundin mit am Tisch, quatschten mit den Ladies und verstanden uns prächtig. Die ehemaligen Ärztinnen besuchten die Krankenhäuser und Projekte von ghanaischen Medizinern, mit denen sie im Laufe ihrer Arbeit Kontakt geknüpft haben. Sehr interessant – und mindestens genauso interessiert waren die beiden auch an unserem Freiwilligendienst. Das Gespräch war einfach gold, die Bekanntschaft bereichernd. Wir redeten und lachten und redeten. Vergaßen die Zeit und blieben solange, bis das Restaurant dicht gemacht und uns (auf sehr liebe Weise, Joanna und ich sind schließlich Stammgäste 😋) rausgeschmissen hat. Den beiden zur Verabschiedung hinterherwinkend, schworen wir uns, in 50 Jahren auch so zu sein.
  • Während des Ausflugs nach Cape Coast machten wir auch einen Daytrip in das benachbarte Fischerdorf Elmina. Das Städtchen selbst ist schon putzig, der Weg dahin jedoch legendär. Nichtsahnend saßen wir im gecharterten Taxi, fuhren raus aus Cape Coast und ehe wir uns versahen, war links das Meer und soweit das Auge reichte nur eins: Palmen. Klar, Palmen wachsen hier wie die Birken und Buchen zuhause, aber diese Allee war anders. Während die tropischen Palmchen sich normal einfach mit in den Anblick des Waldes mischen, zusammen mit den restlichen Büschen und Bäumen zu einem Haufen grün verblenden, entfalteten sie auf dieser Straße ihren ganzen Zauber. “Palm trees doing that palm tree thing: Making one immediately happy” Und plötzlich überrumpelte mich eine ganze Welle von Glücksgefühlen, wie diese Pflanze von Urlaub den Weg nach vorne weist und das Meer dazu den Soundtrack liefert. Wenn man sich inStraßen verlieben kann, dann ist mir nichts anderes auf dem Weg nach Elmina passiert.
  • Der Hafen in Elmina ist laut, voll und unübersichtlich. Eigentlich genau das, was man im Kopf hat, sobald man an ein Fischerdorf denkt. Eine Touri-Truppe von Obronis fällt in dem bunten Treiben aber dennoch ordentlich auf und so ließen manche Arbeiter kurz von ihrem Fang ab und musterten uns. Ich, total vertieft in‘s Fotografieren, frage ganz artig um die Knips-Erlaubnis eines älteren Mannes, der grade am Ausnehmen eines Meeresgenossen war. Er hält inne, scanned mich und anstelle eines Okays, hält er mir einen Fisch hin. Ich, vollkommen irritiert, starre erst ihn, dann den rosanen Fisch, dann wieder ihn an. Schmunzelnd erklärt er: „Take it. It‘s for you.“ Ich fühlte mich zwar geschmeichelt, aber lehnte ab – was soll ich auch bitte mit einem rohen Fisch? 😂 Ich erwidere sein Lächeln, ermahne mich ein Lachen zu unterdrücken (die Situation schien mir plötzlich einfach nur skurril), und bedanke mich: „Meda w‘ase!“ Und das meine Lieben, ist die Story, wie mir in Ghana einfach mal ein Fisch geschenkt wurde.
  • Bevor Joanna und ich unsere Kochskills bei den Yampuffern unter Beweis stellten, fand ein Sleepover statt. Wir teilten uns Schokolade, Kekse und mein Moskitonetz, während wir „Die Kühe sind los“ guckten. Das ist nämlich Joannas Lieblingskindheitsfilm und außerdem grenze es an eine Sünde, dass ich den noch nicht kenne. (Abgesehen davon standen noch „Kim Possible“ und weitere Kino-Klassiker zur Auswahl 😂) Ich bilde mich also tatsächlich kulturell weiter hier. Das zusammen Quatschen, Schnuckern und Gackern war dabei so herrlich normal, dass ich mich für einen Abend aus der aufregenden, tropischen und westafrikanischen Welt um mich herum, wie nachhause gebeamt fühlte. Mit Freundschaft und Kingsbite ist eben alles möglich. Sogar ein Stück Heimat in Ghana.

So, mein gepackter Rucksack wartet schon auf mich und ich mache mich, dank des langen Wochenendes, gleich auf den Weg in‘s Trotro – das nächste Abenteuer ruft. Neuer Monat, neue Chance. Und daran, dass der Dezember seinen Vorgänger ohne Mühe überflügelt, zweifle ich null.

Reisende Grüße in das weihnachtliche Deutschland 🌴🎄

Autor: Linn

Ich gehe weltwärts und blogge über Ghana, Glitzer und Soziales Engagement. Es werden Fotos und Herzensangelegenheiten geteilt :)

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