Glücksmomente #3

Über ein Viertel meines weltwärts-Jahres ist jetzt schon um und ich kann die Kalendar-Realität mit meiner eigenen Wahrnehmung der bereits vergangen Zeit so null vereinbaren. Außerdem habe ich auch immer noch nicht wirklich realisiert, dass ich in Afrika bin – Jeden Morgen wache ich auf und muss mich erst einmal kneifen. Kein Witz. Abgesehen davon, dass ich also mittlerweile glaube einen richtigen Aha-Linn-du-hast-es-echt-gemacht-und-läufst-grade-auf-ghanaischem-Boden-Moment nicht mehr zu erleben, war der dritte Monat ziemlich lockerflockig und so plätscherten auch die gezuckerten Highlights der vergangenen vier Wochen daher.

Glücksmomente im Oktober

  • Fast so süß wie Rafaela (eins meiner Kindergartenmädels) selbst, war die Zeichnung, die sie mir stolz wie Oscar unter die Nase hielt. Mit Bleistift hatte die kleine Maus zuhause eine große Gestalt mit Kleid und Zopf, Zeigestab und einer Tafel im Hintergrund in ihr Heft gemalt. Ich brauchte ein paar Sekunden um zu checken, dass ich das sein sollte 😀 „Oh Rafaela, is that me?“ Als Antwort hat sie nur angefangen zu kichern. Erst nachdem ich ihr versichert habe, dass es super toll geworden ist, kam dann das bestätigende Kopfnicken. Diese morgendliche Begrüßung hat mir definitiv den Tag gezuckert.
  • In Swedru gibt es einen Mann, der Reis in einem Wok mit frischem Gemüse anbrät und als Veggie-Option das Ganze obendrauf mit einem Omelett serviert – super lecker und seit ein paar Wochen mein Go-To-Essen, wenn ich den Tag in der Stadt verbringe. Der liebevoll getaufte Reismann freut sich auch immer wie Bolle, wenn ich bei ihm vorbeischaue. Zwar relativ wortkarg aber keineswegs weniger herzlich winken wir uns immer gegenseitig über den regen Verkehr der Stadt zu, bis ich seine zu einem Essens-Spot umgebaute Kommode erreiche. Mein absolutes Highlight war dann aber, als ich im Taxi saß, vor lauter Hitze dachte bald einzugehen und hielt, auf einen Luftzug hoffend, meine Nase aus dem heruntergekurbelten Fenster. Im Augenwinkel sah ich irgendwie eine schnelle Bewegung und merkte zum Glück noch rechtzeitig, dass es der Reismann ist. Er winkte mir so heftig zu, dass ich einen Augenblick befürchtete, er würde sich die Schulter auskugeln. Mit meinem Grinsen als Antwort und einem nicht weniger enthusiastischen Winker zurück, stellte er dann aber zufrieden seine Propellerbewegung ein und lächelte wieder dem Wok zu. (Meine Freude war in dieser Situation ganz gewiss nicht übertrieben, auch wenn das jetzt vielleicht dem ein oder anderen als skurril erscheinen mag. Aber die Straßen hier sind so überfüllt und durcheinander und alles, dass es an ein Wunder grenzt, jemandem im fahrenden Auto zu erkennen Deswegen war auch mein situationsbedingter Freudenquietscher, der mir einen irritierten Schulterblick des Taxifahrers einbrachte, vollkommen nachvollziehbar. 😋)
  • Eine gute halbe Stunde mit dem Trotro raus aus Swedru, Richtung Golf von Guinea, erreicht man das Küstenstädtchen Winneba: Heller Sand, von Muscheln gespickt, nimmt die warmen Wellen des Atlantiks in Empfang. Kokosnüsse hängen an den unzähligen Palmen und versetzen mich sofort in Urlaubsstimmung. Bunte Fischerboote liegen am Strand und draußen auf dem Meer, kann man die hölzernen Kane in Action bestaunen. Ein Bilderbuchblick, weiter als das Auge reicht. Und, abgesehen von ein paar streunenden Hunden, ist niemand außer uns da. Keine Menschenseele, die mit Handtüchern die besten Plätze um die Wette reservieren, oder sich über den heißen Sand beschweren. Keiner, der durch die gemalte Landschaft latscht und keiner, der einem den Volleyball auf den Kopf haut. Als ich da also in den Wellen stand, mit Joanna die unfassbare Badewannentemperatur bestaunte und mich über die kugelsichere Tatsache, dass Sonntagmorgens das ganze Land in der Kirche singt und tanzt, freute, war‘s das beste Feeling seit langem. Ich stand einfach da und habe den Moment solange genossen wie möglich (exakt bis zu dem Augenblick, in dem mich eine Welle bis zum Bauchnabel durchtränkte).
  • In Ghana gibt es normalerweise keine fixen Haltestellen, sondern viel mehr Plätze und bestimmte Orte, die als Ziel beim Taxifahrer genannt werden, die Junctions. Meine Junction ist nach meiner Schule benannt, „Central Royal Junction“, und beherbergt 3 1/2 Shops. Ein Schreibwarengeschäft, ein Handyguthabenauflade-Shop, zwei Essensbuden und einen Falafelstand, dessen Öffnungszeiten ich bis heute nicht durchschaut habe. So viel zum Background. Nichts ahnend steige ich aus dem Taxi, bedanke mich beim Fahrer und drehe mich in Richtung Nachhauseweg, um die 6 Minuten Fußweg liegen vor mir und die untergehende Sonne verwandelt den Himmel in Zuckerwatte. Ich blicke nun also dem pinken Sonnenuntergang entgegen, als ein kleiner roter Fleck mein übliches Bild des Handyguthabenladens stört. Ohne Brille konnte ich nur vermuten, um was es sich da in der Auslage handelt – mein Spürsinn hat mich allerdings alles andere als enttäuscht und so stellte sich bei genauerer Betrachtung heraus, dass der Handyshop nun auch *Trommelwirbel* SCHOKOLADE verkauft! Ja, die rote Verpackung meiner heiß und innig geliebten Kingsbite-Schoki spotte ich einfach immer und überall. Weil die Süßigkeit etwas teuerer als Kekse oder andere Bonbons ist, gibt es die nur in einem einzigen Supermarkt in ganz Swedru – und neuerdings auch bei meiner Junction! Meinen kleinen Freudensprung musste ich dann auch sofort beim Ladenbesitzer erklären und im Gegenzug hat er mir versichert, Kingsbite nicht aus dem „Sortiment“ (es besteht eigentlich nur aus Guthaben und Schoki, hin und wieder auch mal Ananas und Orangen) zu nehmen, whuup whup!

Obwohl ich meine Zeit hier nach wie vor genieße, schleicht sich hin und wieder der Wunsch nach orangefarbenen Blättern und Kuschelpullover-Wetter bei mir ein. Weil mein Versuch dieses Gefühl mithilfe von einem auf volle Pulle gestellten Ventilator, Kingsbite ( 😀 ), meinem einen dicken Kapuzenpulli und selbstgestrickten Kuschelsocken auf meinem Bett zu simulieren, kläglich scheiterte, wünsche ich mir eins: Genießt den Herbst für mich mit, meine Lieben ❤️

Schokoladige Grüße, Linn

Autor: Linn

Ich gehe weltwärts und blogge über Ghana, Glitzer und Soziales Engagement. Es werden Fotos und Herzensangelegenheiten geteilt :)

Du möchtest deinen Senf dazu geben? Dann los!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s