“Aunty Lilly, mein Zahn ist kaputt!”

Wachsmaler als Lippenstift auftragen (und essen), Klopapier so tief in die Nase stecken bis es nicht mehr rausgeht, Milchzähne verlieren und die darauffolgende Massenpanik, weil alle dachten, dass der Zahn niemals nachwächst und nackige Flitzer auf dem Schulflur.

Darf ich vorstellen? Mein Alltag.

Hier in der Central Royal Montessori School bin ich nämlich dort gelandet, wo Radiergummis das größte Heiligtum und zu wenig Kekse für die Snack-Break das einzige Problem sind: Im Kindergarten.

Um genau zu sein im Kindergarten 2 A, deren Lehrerin Aunty Bridget ist. Denn, ganz anders als zuhause, besteht der Tag eines Kindergartenkindes in Ghana nicht aus Toben, Spielen und Kleistern.

Pustekuchen.

Hier beginnt bereits im Alter von 4 Jahren der Unterricht in den Fächern Lesen, Schreiben und Zahlen lernen, Geschichte, Kunst und Umweltwissenschaften. Das ganze ist dann auch noch auf Englisch, eine Sprache, die viele der Kids erst in der Schule richtig lernen, da im Alltag doch häufig das Fante oder Twi dominiert. Die ersten Tage hat mich all das schwer beeindruckt, während fast alle Kinder meiner Klasse den Schultag geschmeidig meistern.

Die paar Ausnahmen, die nochmal einen extra Denkanstoß brauchen um die Aufgabe zu schaffen, habe ich unter meine Fittiche genommen und versuche, so gut ich kann, ihnen zu helfen. Meine eigentliche Aufgabe hier ist aber eine andere – der Kunstunterricht.

“Central Royaaaal, school of the leaders of tomooooorrow” – unsere Schulhymne

Die Central Royal, wie sie locker genannt wird, ist eine sehr imposante, moderne und hochangesehene Privatschule in Swedru. Sie zählt zu einer der besten beiden Grundschulen in unserem Ort und kostet den Eltern, die ihre Sprösslinge zu uns schicken einen ganzen Haufen Ghana Cedis. So knackig wie die Schulgebühren ist auch ihr Erscheinungsbild: Ein dreistöckiges Gebäude in Gelb und Beigetönen, Balkone und Fenster (mit Glas! Wo sonst findet man das in Swedru?) zieren Klassenzimmer und Schulflure, in jedem Raum hängt ein Ventilator von der Decke. Statt Tafeln haben wir Whiteboards und die Möbel sind die, die wir auch in der Marienschule hatten 😂 Kein Scherz.

Jedes Kind hat mindestens zwei Hefte für ein Fach, sowie ein eigenes Arbeitsheft. An Stiften mangelt es auch nicht, wie die Wachsmal-Schminkerei vielleicht schon andeutete 😄 Oh und letzten Monat wurde unser brandneuer Computerraum eröffnet.

Ausgestattet ist meine Schule also legendär gut und stellt somit das komplette Gegenteil von meinen Erwartungen dar.

Jedoch ist es wichtig zu betonen, dass die Central Royal Montessori School eine Ausnahme ist und somit keinesfalls als durchschnittliches, die Schulen im allgemeinen widerspiegelndes Beispiel verstanden werden darf. Viele Freiwillige sind an Schulen, die weder Wände noch Türen, geschweige denn Strom haben.

Zwischen “Clap for her!” und Stock

Dass jedoch nicht überall Montessori drin ist, wo’s drauf steht und längst nicht alles Glänzende Gold ist, habe ich schnell kapiert. Das “Canen”, also das Schlagen der Schüler mit einem Stock ist an meiner Schule, trotz all der Modernität, Gang und Gebe. Gewalt ist die Strafe bei fehlenden Hausaufgaben, zu Lautem Quatschen oder einfach Ungehorsam. Trotz Vorbereitung durch meine Organisation hat mich der Anblick eines schreienden und weinenden, vor der Lehrerin weglaufendem Kind umgehauen. Ein kritisches Gespräch über das Canen zu führen ist an meiner Schule schwer, habe bisher noch nicht einen Lehrer gesehen oder getroffen, der diese Strafe genauso ablehnt wie ich. Aunty Bridget betont immer wieder, dass es ihr selber nicht gefällt, legitimiert es aber dann im nächsten Satz damit, dass viele der Kinder auch zuhause von ihren Eltern geschlagen werden. Wenn ich dann von meiner Schulzeit ohne Stock erzähle, schütteln meine Kollegen lediglich ungläubig den Kopf. Obwohl es auch in Ghana Lehrer und Lehrerinnen gibt, die diese Form der Bestrafung nicht unterstützen – gesetzlich ist es auch verboten.

Bisher ist das einzige was ich dagegen unternehmen kann, den Kunstunterricht Cane-frei zu gestalten. Das klappt mal mehr und mal weniger, manchmal auch gar nicht. Die Kleinen verstehen nicht, warum ich dagegen bin, für sie gehört es zur Schule wie das “Halleluja” in die Kirche. Und so kam es nicht nur einmal vor, dass ich von ihnen aufgefordert wurde, ihre Mitschüler zu schlagen. Sogar ein Cane wurde für mich organisiert.

So absurd es auch klingt, ich habe daraufhin eine Abstimmung bei mir in der Klasse gemacht, wer dafür ist, dass der Cane benutzt wird. Das Unglaubliche wurde war und nur mit einer Handvoll Gegenstimmen wurde für den Stock gestimmt. Selbstverständlich habe ich das trotzdem nicht gemacht und es streubt sich noch immer alles in mir gegen dieses Ding auf dem Lehrerpult.

Da die Kleinen sich jetzt also sicher sind, dass es in „Aunty Lilly“‘s Kunstunterricht keine harten Strafen gibt, gehen alle über Tische und Bänke 😂 Klar, gegenüber Schlägen sind alle anderen Strafen so harmlos, wie eine nervige Fliege. Wenn dann aber doch mal irgendwann Ruhe in meine Rasselbande eingekehrt ist, macht es ihnen und mir voll Spaß zusammen Muster zu malen und Blumen aus Fingerabdrücken zu stempeln. Die überglücklichen Gesichter, wenn ich durch die Reihen gehe und jedes einzelne Kunstwerk mit „Wow!“ und „So nice!“ bestaune, sind dann gold wert.

Leider habe ich abgesehen von den zwei Stunden Kunstunterricht in der Woche keine andere wirkliche Aufgabe, außer Hausaufgaben zu korrigieren und so wechsele ich, nach einem sehr netten Gespräch mit dem Direktor, meinen Aufgabenbereich. Denn täglich von 7 bis halb 5 meine Zeit zu vertrödeln, das ist nicht meine Vorstellung von einem Freiwilligendienst. Sehr passend kam dann die Tatsache, dass an der Central Royal ein Französischlehrer gesucht wird.

Und voilà – ratet mal, wer ab nächster Woche Klasse 1 bis 4 die Sprache der Baguettes und Croissants beibringt? Moi. 😊

Ich freue mich schon sehr und hoffe, dass der Unterricht so fluppt, dass die Kleinen nach meinen verbleibenden 9 Monaten auch ihre Nachbarländer verstehen 😉

Update euch dann, wie es so läuft – jetzt geht es erstmal los, der nächste Wochenendtrip ruft👋🏾

Autor: Linn

Ich gehe weltwärts und blogge über Ghana, Glitzer und Soziales Engagement. Es werden Fotos und Herzensangelegenheiten geteilt :)

2 Kommentare zu „“Aunty Lilly, mein Zahn ist kaputt!”“

  1. Sehr interessanter, lustiger und bewegender Bericht – weiter so! 🙂 Ob man sich eine bessere Französischlehrerin vorstellen kann? Je ne crois pas, non. 🥐
    Grüße aus der Heimat!

    Gefällt 1 Person

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