Ghanas dunkelstes Kapitel ist weiß.

Verboten idyllisch, mit überheblichem Blick auf die an der Felswand brechenden Wellen des Atlantiks, liegt das Cape Coast Castle dar.

Die Burg, welche auf den ersten Blick einem Märchen entsprungen sein könnte, so wunderschön hebt sich die weiße Farbe von der sonst bunten Umgebung ab, ist einer der traurigsten, bewegendsten und zugleich geschichtsträchtigsten Orte, die ich jemals betreten habe. Ihre Geschichte hinterlässt mich sprachlos, was nicht häufig geschieht.

Denn diese Festung war eine Sklavenburg. Sie war so etwas wie der damalige Menschenhandels-Hotspot.

Noch heute zählt sie mit ihrer ein paar Kilometer weiter westlich positionierten Nachbarin, dem Elmina Castle, zu den am besten erhaltenen Forts Ghanas.

Dient als Gedenkstätte und Museum. Sogar Obama war da.

Noch vor ein paar Jahrhunderten wurde die Burg als Marktplatz, Gefängnis und Aussichtspunkt genutzt. Von den Portugiesen erbaut und (nach zahlreichen Kämpfen inklusive Übernahmen von anderen Ländern) letztendlich von der britischer Krone geführt, wurden erst Gold und Diamanten, später Menschen von dort aus verschifft.

By the way erhielt Ghana so seinen damaligen Namen: „Goldküste“.

Die Namen der geographischen Nachbarn runden das Bild ab: Pfefferküste, Elfenbeinküste, Goldküste und Sklavenküste (von West nach Ost).

Mit der „Entdeckung“ Amerikas 1492 und den damit neu erschlossenen wirtschaftlichen Möglichkeiten (Baumwolle & Tabak), fehlte es an Händen, die das Geld von den Plantagen pflücken. Da die wenigen Einheimischen, die die Eroberung von Kolumbus überlebt hatten, den Umständen entsprechend nicht fit genug waren, die Knochenarbeit für ihre neuen Landherren zu verrichten, dachte sich der schlaue Herr, die Lösung aller seiner Probleme mit den Afrikanern gefunden zu haben.

Längst gehörte es zum guten Ton, dass die Mitglieder der europäischen Highsociety afrikanische Menschen in ihren Stallungen beschäftigen oder jemanden als Urlaubssouvenir aka Beweis („Wir waren da“) vom anderen Ende der Welt mitbrachten.

Die Hemmung, Menschen wie das zuvor verschiffte Gut zu behandeln, war demnach kein Thema mehr. Die Lebensqualität und Bedingungen zu dem Zeitpunkt waren dennoch bei weitem nicht an ihrem ethischen Tief.

Schnell stellte sich heraus, dass das Geschäft mit den Menschen aus finanzieller Sicht weitaus attraktiver war und so wuchsen die mafiosi Strukturen in kürzester Zeit. Es entstand der Atlantische Dreieckshandel. Stoffe, Waffen und Schnaps aus Europa gegen Menschen aus Afrika. In Amerika angekommen, schufteten sie dann für die Baumwolle, den Rum und Zucker, der wiederum nach Europa verschifft wurde.

Und nun stand ich in eben diesen Mauern. Besichtigte die Festung, die einst das Todesurteil für Millionen von Menschen war. Die Steine haben eins der grausamsten Kapitel der Menschheit miterlebt und ich war froh, dass sie nicht sprechen können. Dennoch: Während wir mit unserem Guide die unterirdischen Gemäuer betraten, erfüllte mich die Aura des Kellers. Und das meine ich nicht esoterisch-spirituell, nee. Es ist mein voller Ernst, dass sich mein Magen drehte und ich eine Gänsehaut am ganzen Körper bekam, bevor auch nur ein Wort gesagt wurde.

Die Fakten sprechen für sich – nur 2 von 10 Menschen überlebten die Hölle auf Erden. Tatsächlich grenzt es an ein Wunder, dass Menschen fähig waren, den unbegreiflichen Ausmaßen ihres bis zu 6 wochenlangen Aufenthalts im Keller des Forts, dem Ort, an dem der Tod wie die Mücken ein und aus ging, zu trotzen. Die einzige Verbindung zum Rest der Welt, zu dem einst gelebten Leben? Eine etwa kopfgroße Öffnung in der dicken Steinmauer, unerreichbare Meter überm kalten Boden.

Mit Hunderten Fremden zusammengepfercht, völlig nackt, den Krankheiten, Mücken und Gerüchen von allen möglichen Abfällen, die sich bis zu den Waden hoch türmten ausgeliefert, hofften sie in der Dunkelheit darauf, dass sich das Schicksal für sie entschied. Von den Vergewaltigungen der Frauen und Kinder durch die Burgherren und den extra Strafzellen (ja, es ging noch schlimmer: ohne frische Luft) ganz zu schweigen.

Von dort aus wurden sie dann verschifft. Wer überlebte trat eine halbe Weltreise an. Zurückgelassen wurde alles – geliebte Menschen, der Besitz und die eigene Identität.

Erst ab 1780 wuchsen dann die moralischen Bedenken gegenüber dem Sklavenhandel. Trotzdem zog sich dieser bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts weiter, da das Verbot des Sklavenhandels in Europa und Amerika nicht zur gleichen Zeit in Kraft trat.

Zwischen 1500 und 1900 wurden schätzungsweise – allein an dieser Küste – sechzig Millionen Menschen Opfer des Menschenhandels.

Und obwohl ich nun in einem der Gebäude stand, das die Bühne dieser Tragödie war, obwohl ich die Mauern berührt, die Steine gesehen und modrige Luft der Kerker geatmet habe, kann ich es einfach nicht begreifen. Das Verbrechen unserer Vorfahren scheint mir zu unheimlich, als dass es von Menschenhand geleitet worden sein kann.

Umso gruseliger finde ich es, dass manche Stimmen sagen, heute gäbe es so viele Sklaven auf der Welt wie noch nie. Männer, Frauen und Kinder, die in unmenschlichen Arbeitsbedingungen tagein tagaus schuften seien mehr denn je. Ihre Jobs so verschieden, wie sie selbst. Manche arbeiten auf Feldern, andere verkaufen ihren Körper. Viele sind noch minderjährig, ein Leben lang illegalen Strukturen ausgeliefert.

Mehr Infos: Global Citizen

Nach diesem harten Realität-Input ein bisschen musikalische Hoffnung, der Text passt einfach zu gut ( und ich liebe ihn!). Außerdem begleitet er mich hier stets loyal, auch in den schattigen Momenten.

Die Welt heilt – Genetikk

Also, „wie kannst du noch an was anderes glauben, außer an die Liebe?“

Autor: Linn

Ich gehe weltwärts und blogge über Ghana, Glitzer und Soziales Engagement. Es werden Fotos und Herzensangelegenheiten geteilt :)

2 Kommentare zu „Ghanas dunkelstes Kapitel ist weiß.“

    1. Oha danke dir ❤️ Habe so gehofft, dass ich das Thema irgendwie rüberbringen kann – hat mich nämlich selbst so mitgenommen und hach. Dein Feedback bedeutet mir viel, meine Liebe 🙏🏾

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