Call me Akua Addison

Die Fakten vorweg: Seit zweieinhalb Wochen wohne ich 6 Minuten mit dem Taxi vom Stadtzentrum Swedrus entfernt, in einem zweieinhalbstöckigen Haus (die „halbe Etage“ ist noch nicht fertig ausgebaut, aber vielleicht bleibt es auch einfach so), von dem aus ich innerhalb von 3 Minuten meine zukünftige Schule erreiche – zu Fuß. Mit mir wohnen hier geschätzt 21 Ziegen, die gefühlt jeden Morgen neue Babys bekommen sehr süß, Schafe, die auch Babys haben, aber nicht ganz so süß sind, Hühner mit Babys und viele viele Hunde, die selbstverständlich auch ein Baby haben und eine Katze (ohne Baby, ist nämlich ein Kater). So lebe ich hier also in dem von riesigen Obstbäumen bewachsenen Anwesen der Großfamilie Addison, gemeinsam mit einer herzerweichenden Anzahl an Tiernachwuchs. Von meinem Zimmer aus habe ich einen Blick direkt auf die Kokosnuss-Palmen und Avocadobäume im Garten. Ich höre jeden Abend die Ziegengespräche mit, verfolge die mitternächtlichen Hundestreitereien unter meinem Fenster und werde daraufhin vom alltäglichen Morgengebet meiner Gastfamilie gegen 6 oder halb 6 (je nach Tagesform) geweckt.

Die Kurzform des Ganzen? Ich habe den ghanaischen Gastfamilien-Jackpot geknackt. 🙂

Nun aber zu den Details meiner ghanaischen Familie: Chef und Familienoberhaupt ist Immanuel, mein Gastpapa. Als er die damals 28jährige Suzie heiratete, hatte er auch nicht geahnt, dass ihn einmal eine deutsche Gasttochter durch die Frage „Wieviele Kinder habt ihr eigentlich?“ verstummen lässt. Die Antwort („I stopped counting“) hingegen ließ mich sprachlos werden 😀 Natürlich war das nur eine kleiner Scherz seinerseits, alle meine Gastgeschwister kennengelernt habe ich aber trotzdem noch lange nicht – Immerhin bleibt‘s so spannend, nicht wahr?

Der mir bekannte Teil vom Addison-Clan ist, das habe ich bereits hocherfreut feststellen können, sehr sympathisch und äußerst gastfreundlich. Bisher weiß ich von vier Gastschwestern (das Küken ist 11 und die Älteste 32 Jahre alt), sowie von drei Gastbrüdern ( so zwischen 20 und 30, schätze ich ), von denen viele in typischer Ghana-Manier adoptiert sind 🙂 . Tagsüber geht jeder seinen Aufgaben rund um‘s Haus nach und die Mädels kochen, wobei ich manchmal helfen und so einen Blick auf die Tricks der westafrikanischen Küche werfen darf. Abends schaue ich häufig mit meinen Gasteltern zusammen erst die ghanaischen und dann die amerikanischen Nachrichten und unterhalte mich danach mit ihnen über Gott und die Welt.

Quasi interkultureller Austausch auf dem Sofa.

Unsere Gespräche führen wir auf Englisch, nur eine der Sprachen, die die Familie einwandfrei beherrscht (an dieser Stelle trauere ich um meinen nicht-Bilingualismus). Obwohl ich mich noch schwer tue mit Twi (was man übrigens „Chwiee“ ausspricht – wusste ich bis gestern auch noch nicht), geben die Addisons nicht auf und unterrichten mich stattdessen in „ghanaischem Lifestyle“. So kann ich mittlerweile Maiskolben mit einem bereits gepeelten Maiskolben schälen, das Wasser aus einer frischen Kokosnuss (ohne Strohhalm 😎) trinken, Jollofrice zubereiten und Cassava von Fufu unterscheiden.

*auf dem Foto ist das Blatt zum Wurzelgemüse Cassava*

In meiner Nachbarschaft bin ich die einzige mit heller Haut, was die Kiddies (obwohl sie mich jetzt mittlerweile schon oft gesehen haben) vor Aufregung hüpfen lässt. Manche möchten auch unbedingt meine „komisch“ aussehende Haut berühren und wieder andere verfolgen mich auch einfach bis nachhause. Ein Kleinkind hat bei meinem Anblick prompt angefangen zu weinen, dachte wahrscheinlich ich sei ein Geist, da war ich dann doch ein wenig überfordert mit der Situation. 😀

So oder so, bin ich hier eine Attraktion und das habe ich eigentlich nicht erwartet, da die Addisons bereits mehrere Volunteers hatten und auch Swedru generell ein Hotspot für Freiwilligenarbeit in Ghana ist. Bin gespannt wer sich schneller an den Umstand gewöhnt: ich oder meine Nachbarn.

Auch wenn die Beigeisterung für Obronis mit zunehmendem Alter schrumpft – meinen Namen merken sich die benachbarten Verkäuferinnen der an die Strasse angrenzenden Shops selbstverständlich: Akua („Ähhqua“) Addison. 🙂

Falls jetzt jemand denken sollte, mir hätte die westafrikanische Sonne ein paar Hirnzellen weggebraten und ich schwuppdiwupp meinen Namen geändert, der liegt fast richtig. Denn mit meinem Ankommen in meiner ghanaischen Familie, bin ich auch weiter in die kulturellen Gegebenheiten dieses Landes eingetaucht. Dass Kinder nach dem Wochentag ihrer Geburt benannt werden (wenn auch nur als ein Zweit- oder Drittname) ist, genauso wie das Nicht-Benutzen der linken Hand, hier das normalste der Welt. Wenn sich jetzt jemand für seinen ghanaischen Namen interessiert, kann der, nachdem der Kalender mehrere Jahre zurück in die Vergangenheit gescrollt wurde, das einfach mal googlen. 😉

Morgen unternehmen wir den ersten richtigen Ausflug (ich werde berichten, versprochen!) und ab dem 11. September startet mein Dasein als Lehrerin – bin schon gespannt wie ein Flitzebogen.

Bis dahin beste Twi-Grüsse aus Ghana 🙂

Autor: Linn

Ich gehe weltwärts und blogge über Ghana, Glitzer und Soziales Engagement. Es werden Fotos und Herzensangelegenheiten geteilt :)

2 Kommentare zu „Call me Akua Addison“

  1. Hei Linn, ich glaube ich hab dich neulich im Volunteerhouse getroffen, dass dies dein Blog ist, das habe ich dann leider erst hinterher gecheckt 😅 Ich bin ein riesiger Fan deiner Schreibweise, mein Blog besteht eher aus klassischen Reiseberichten 🙈 Ich hoffe ich kann meinen Blog über das Jahr genauso verwizt schreiben wie du, schaue mir daher mal ein wenig was ab 😋 Zum Thema: Freut mich sehr, dass deine Gastfamilie so herzlich und interessiert an dir ist ☺️ See you 😘

    Gefällt 1 Person

Du möchtest deinen Senf dazu geben? Dann los!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s